Mathieu, was hat dich zum Para-Dressurreiten geführt und welche Bedeutung hat dieser Sport heute für dich?
Im Jahr 2022 erlitt ich einen septischen Schock, der einen neunmonatigen Krankenhausaufenthalt nach sich zog und schwere Komplikationen verursachte, darunter eine doppelte Amputation unterhalb der Knie. Schon viele Jahre zuvor war ich Reiter, und die Nähe zu Pferden – ebenso wie zu Tieren allgemein – spielte in meinem Leben immer eine zentrale Rolle.
Anstatt in Passivität oder Depression zu verfallen, entschied ich mich, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren: Meine Familie, die Musik und die Pferde. Die Dressurarbeit auf dem Platz hat mich schon immer fasziniert – ebenso das Formulieren von Zielen, das Reflektieren des zurückgelegten Weges und das Erkennen der nächsten Entwicklungsschritte. Heute verstehe ich mich gleichermassen als Reiter und als Sportler, getragen von dieser stetigen Dynamik, die mich jeden Tag antreibt.
Warum ist Para-Dressur eine besonders bereichernde Disziplin für Menschen mit Behinderung?
Als mir klar wurde, dass ich die Funktion meiner Beine verloren hatte und mein Leben nie wieder so sein würde wie zuvor, fasste ich einen Entschluss: Ich wollte mir ein neues Leben aufbauen, ohne mich selbst zu verleugnen – mit Mut, Kreativität und Aufrichtigkeit. Diese Prüfung habe ich als Chance begriffen, gerechter mit mir selbst zu werden.
Para-Dressurreiten wurde dadurch zu etwas Wesentlichem. Diese Disziplin basiert auf Verbindung, Leichtigkeit, Verständnis und Respekt gegenüber dem Pferd. Gleichzeitig ermöglicht sie es, sich wieder mit Raum, Empfindungen und Emotionen zu verbinden – mit Freude ebenso wie mit Angst, Konzentration oder Müdigkeit. Wer den Moment ganz annimmt, kann die Behinderung hinter sich lassen und wieder aktiv Gestalter des eigenen Lebens werden.
Was bedeutet dir die Beziehung zum Pferd? Und hast du ein eigenes Pferd?
Ohne dabei misanthropisch sein zu wollen, bin ich überzeugt, dass Tiere über eine eigene Form von Intelligenz verfügen – frei von Lüge und moralischem Urteil, wie uns die Ethologie zeigt. Beim Pferd geschieht alles in der Wahrheit des Augenblicks; es liegt an uns Menschen, uns dieser Form von Präsenz anzunähern.
Ich habe ein 20-jähriges Camargue-Pferd, Ramses du Pastre, das für mich ein echter Freund ist. Als es mir selbst sehr schlecht ging, stand auch er kurz vor dem Tod – doch er hat sich für das Leben entschieden. Heute kümmern meine Frau und ich uns mit grosser Sorgfalt um ihn. Aufgrund seines Alters und seines Gesundheitszustands arbeite ich im Rahmen der Stiftung Équi-Page zusätzlich mit Nino, einem 15-jährigen Freiberger. Gemeinsam mit meiner Trainerin Valérie Renggli bereiten wir verschiedene Prüfungen vor, insbesondere im Hinblick auf die Lizenz. Weiter werde ich auch von handisport Genève unterstützt.
«Wenn ich auf dem Pferd sitze, werde ich wieder zum Akteur meines Lebens.»
Welche Eigenschaften oder welche Haltung braucht man, um mit Para-Dressur zu beginnen oder sich darin weiterzuentwickeln?
An erster Stelle stehen eine aufrichtige Liebe zum Pferd und ein tiefer Respekt vor ihm, verbunden mit dem Wunsch, ihm die bestmöglichen Bedingungen zu bieten, damit es sich entfalten kann. Zuhören ist dabei essenziell – denn das Pferd hat uns immer etwas zu sagen.
Ebenso wichtig ist die Akzeptanz, dass nicht alles sofort gelingt. Ohne jemals Gewalt anzuwenden, ist das Pferd in der Lage, unsere Fehler zu verzeihen. Dadurch können wir gemeinsam an dem arbeiten, was wir verbessern möchten. Geduld ist dabei wohl die schwierigste Eigenschaft – insbesondere für Menschen mit Behinderung, die häufig mit langsamen Lernprozessen oder dem Wiedererlernen verlorener Bewegungen konfrontiert sind.
Welche Botschaft möchtest du Menschen mitgeben, die überlegen, ob Para-Dressur der richtige Weg für sie ist?
Bevor man an Leistung denkt, sollte man sich zuerst an die Träume erinnern, die einen antreiben. Haben Sie Freude – denn das Pferd, das alles wahrnimmt, wird ebenfalls bereit sein, Freude zu empfinden.
Vertrauen Sie ihm. Ein Pferd ist nicht böse; es braucht lediglich eine wohlwollende, klare Führung, um sich sicher zu fühlen. In dem Moment, in dem Sie im Sattel sitzen, tritt alles andere in den Hintergrund: Sie sind ganz im Hier und Jetzt – frei von der Last Ihrer Behinderung.