Pferde im Ruhestand: ein neuer Lebensabschnitt

Oft wird über die Karriere eines Pferdes gesprochen, doch auch der Ruhestand ist ein eigenständiger und wichtiger Teil seines Lebens. Weit entfernt von einem Ende eröffnet er einen neuen Rhythmus. Für viele Pferde kann diese Phase lang und wertvoll sein – vorausgesetzt, sie wird mit ebenso viel Sorgfalt geplant, vorbereitet und begleitet wie die Jahre im Einsatz.

Murist – Pferde im Ruhestand auf der Ferme de la Molière: Gruppenhaltung in einer natürlichen und ruhigen Umgebung © Ferme de la Molière – www.lamoliere.ch

In Murist (FR) hat sich die Ferme de la Molière seit mehreren Jahren auf diese Lebensphase spezialisiert. Der Familienbetrieb, geführt von der Familie Fünfschilling, nimmt Pferde im Ruhestand, in der Rekonvaleszenz oder in einer Übergangsphase auf – in einer natürlichen Umgebung mit weitläufigen Weiden und angepasster Infrastruktur.

Die Anlage beschränkt sich jedoch nicht nur auf den Ruhestand: Sie bietet auch Pensionen für aktive Pferde mit entsprechenden Einrichtungen an. Dieser Ansatz ermöglicht eine gewisse Kontinuität, sodass die Pferde die verschiedenen Lebensphasen am gleichen Ort durchlaufen können.

In diesem Rahmen begleitet Florian Fünfschilling täglich Pferde am Ende ihrer Karriere – und vor allem in ihrem neuen Lebensabschnitt.

Raus aus der Leistungslogik

Ein Pferd in den Ruhestand zu schicken, bedeutet nicht einfach, es nicht mehr zu reiten. Es ist ein Wechsel des Rhythmus, der Umgebung und oft des gesamten Lebensstils.

Manche Pferde kommen noch relativ jung, teilweise bereits mit 13 oder 15 Jahren. Andere nach einer Verletzung oder bewusst frühzeitig, um diesen neuen Abschnitt vorzubereiten. «Es ist keine Frage des Alters, sondern der Situation», erklärt Florian Fünfschilling.

Jedes Pferd bringt seine eigene Geschichte mit: eine intensive Sportkarriere, ein Leben in der Herde oder auch körperliche oder mentale Herausforderungen. Der Übergang muss deshalb individuell und schrittweise erfolgen.

Ein Übergang, der vorbereitet werden muss

Ein Punkt wird immer wieder betont: Der Ruhestand kommt nicht von heute auf morgen.

«Idealerweise bereitet man ihn sechs bis zwölf Monate im Voraus vor», sagt Florian. So kann sich das Pferd langsam anpassen: mehr Zeit auf der Weide, weniger Abhängigkeit vom Menschen, ein natürlicherer Tagesrhythmus.

Vorausschauendes Handeln hilft auch, häufige Stallwechsel zu vermeiden – diese sind oft mit Stress verbunden. Ein Pferd, das zu oft den Ort wechselt, verliert Orientierung und braucht länger, um zur Ruhe zu kommen.

Die Schlüssel zum Wohlbefinden

Für einen gelungenen Ruhestand sind mehrere Faktoren entscheidend.

An erster Stelle steht das soziale Leben. Das Pferd findet zurück in eine Herde und lebt wieder stärker im natürlichen Gruppenverband.

Ebenso wichtig ist die Bewegung. Entgegen verbreiteter Vorstellungen sollten auch ältere Pferde aktiv bleiben. «Sie bewegen sich weiterhin täglich, traben, galoppieren – teilweise über mehrere hundert Meter», erklärt Florian.

Auch die Umgebung spielt eine zentrale Rolle: Zugang zu hochwertigen Weiden, eine an die Jahreszeiten angepasste Fütterung sowie ein ruhiger, konstanter Tagesablauf.

Und vor allem: die Fähigkeit, die Haltungsbedingungen laufend anzupassen. Mit zunehmendem Alter verändern sich die Bedürfnisse – Zahnprobleme, eingeschränkte Beweglichkeit oder chronische Erkrankungen. Jedes Detail zählt.

Altern – bei jedem Pferd anders

Kein Pferd altert gleich. Gesundheit, körperliche Verfassung und mentale Stärke entwickeln sich unterschiedlich.

Einige Pferde bleiben lange fit und aktiv, andere benötigen früher Anpassungen. «Man muss beobachten können und bereit sein, schnell zu reagieren – manchmal auch alles zu verändern», sagt Florian.

Dieser Ansatz erinnert an die Betreuung älterer Menschen: aufmerksam, flexibel und mit viel Feingefühl im Alltag.

Der Einfluss der sportlichen Karriere

Eine häufig gestellte Frage: Hat die sportliche Vergangenheit Einfluss auf den Ruhestand?

Wie bei jedem Athleten spielt der Lebensweg auch beim Pferd eine Rolle. Pferde mit intensiver sportlicher Nutzung bringen manchmal gewisse körperliche Sensibilitäten mit (Sehnen, Rücken, Gelenke) oder benötigen etwas Zeit, um sich an einen ruhigeren Lebensrhythmus zu gewöhnen.

«Pferde aus dem System Boxe–Turnier erkennt man relativ schnell», sagt Florian. Die Umstellung auf ein natürlicheres Leben kann einige Wochen oder auch Monate dauern, bis sie ihre neuen Orientierungspunkte gefunden haben.

Diese Entwicklung verläuft jedoch oft sehr positiv: Mit einer passenden Umgebung, ausreichend Bewegung und sozialem Kontakt finden viele Pferde zu einem stabilen Gleichgewicht und einer langfristig guten Lebensqualität zurück.

Schon heute an morgen denken

Die Botschaft der Ferme de la Molière ist klar: Der Ruhestand gehört zum Leben eines Pferdes dazu.

Er sollte nicht aus einer Notsituation heraus entschieden werden, sondern vorausschauend geplant sein. Die eigenen Grenzen zu respektieren, ein Pferd nicht über seine Möglichkeiten hinaus zu fordern und ihm einen würdevollen Lebensabend zu ermöglichen, gehört zur Verantwortung jedes Pferdehalters.

«Ein Pferd verschwindet nicht, wenn man aufhört, es zu reiten. Es hat noch viele Jahre vor sich», erinnert Florian Fünfschilling.