«Les Ailes de La Paloma» – Wenn Pferde Menschen Flügel verleihen

Was geschieht mit Pferden, wenn ihre sportliche Karriere zu Ende ist? Für Ursula Schminke beginnt dann ein neues Kapitel. In Cottens, unweit von Morges, hat die Psychologin und Pferdefachfrau mit dem Verein «Les Ailes de La Paloma» einen besonderen Ort geschaffen, an dem pensionierte Pferde nicht einfach ihren Lebensabend verbringen, sondern weiterhin eine wichtige Rolle innehaben. Gemeinsam mit Menschen in schwierigen Lebenssituationen entsteht eine Verbindung, die weit über den Umgang mit Pferden hinausgeht – geprägt von Vertrauen, Respekt und gegenseitigem Wachstum.

Ursula Schminke, Präsidentin von «Les Ailes de La Paloma». Copyright: «Les Ailes de La Paloma»

Es ist ein angenehmer Morgen im Frühsommer. Alles ist noch saftig grün und rund zehn ältere jedoch durchaus fitte Pferde und Ponys grasen gemeinsam friedlich auf einem Flecken Weide inmitten des malerischen Örtchens oberhalb des Genfersees. Die Rufe eines Falken ertönen, der an der Wand des Stalles nistet und man kann den Blick in die Weite schweifen lassen und mal tief durchatmen – für einen kurzen Moment muss man nichts und darf einfach sein. Stress und allfälliger Ballast fallen augenblicklich von einem ab. So fühlt sich die Ankunft bei «Les Ailes de La Paloma» und bei der Präsidentin dieses Vereins, Ursula Schminke, an.

Der Verein «Les Ailes de La Paloma» entstand vor elf Jahren aus einer einfachen Idee. Freunde wollten Ursula Schminke dabei unterstützen, ihre soziale Arbeit langfristig abzusichern. In ihrer damaligen Reitschule lebten ältere Pferde selbstverständlich bis an ihr Lebensende. Gleichzeitig fanden Kinder und Menschen mit besonderen Herausforderungen über die Pferde einen geschützten Raum – unabhängig von ihren finanziellen Möglichkeiten. Ursula Schminke erzählt: «Der Verein wurde gegründet, damit alte Pferde ihren Platz in der Gesellschaft und bei uns behalten und Menschen unabhängig von ihren finanziellen Möglichkeiten von der Begegnung mit ihnen profitieren können.»

Ein schwieriger Abschied – und ein mutiger Neuanfang

Mit der Schliessung der Reitschule im Jahr 2024 stand das gesamte Projekt plötzlich auf der Kippe. Dank des Vereins konnten die älteren Pferde jedoch zusammenbleiben und schliesslich in Cottens ein neues Zuhause finden. Für Ursula Schminke war diese Zeit von Unsicherheit geprägt – gleichzeitig erlebte sie eine aussergewöhnliche Welle der Solidarität, die sie auch heute noch berührt: «Es war ein grosser Verlust. Gleichzeitig habe ich erlebt, wie unglaublich viele Menschen bereit waren zu helfen. Ohne unser Vorstand und die vielen Freiwilligen hätten wir diesen Neuanfang nicht geschafft.»

Heute ist der Verein keine Reitschule mehr, trotzdem fallen tägliche Herausforderungen wie die Betreuung der Pferde, Finanzierung, Unterhalt der Infrastruktur und Betreuung des Personals an.

Drei Elemente, die sich gegenseitig stärken

Das Konzept von «Les Ailes de La Paloma» basiert auf drei Pfeilern: pensionierte Pferde, Menschen mit besonderen Bedürfnissen und die Natur. Für Ursula Schminke gehören diese untrennbar zusammen: «Wenn diese drei Elemente zusammenkommen und ihre grundlegenden Bedürfnisse erfüllt werden, entsteht etwas Besonderes. Sie stärken sich gegenseitig.»

Damit ältere Pferde körperlich und geistig aktiv bleiben, werden sie regelmässig bewegt – mit Spaziergängen, Bodenarbeit und gezielten Gymnastikübungen. Gleichzeitig vermittelt der Verein Freiwilligen das nötige Wissen, um die Tiere altersgerecht zu begleiten. Künftig sollen zudem Kurse rund um das Thema Seniorenpferde angeboten werden – von Ernährung und Biomechanik bis hin zu Palliativpflege und Abschied.

Die besondere Kraft der Pferde

Als Psychologin begleitet Ursula Schminke seit vielen Jahren Kinder und Erwachsene mithilfe von Pferden. Besonders eindrücklich erlebt sie die Wirkung bei Menschen mit Autismus oder körperlichen Einschränkungen: «Es gibt etwas, das nur ein Pferd bewirken kann. Wenn ein Mensch auf seinem Rücken sitzt, entsteht eine Verbindung, die sich nicht künstlich wie zum Beispiel auf einer Attrappe herstellen lässt.»

Sie erinnert sich an einen vierjährigen Jungen, der kaum gehen konnte. Über viele Monate entwickelte er auf dem Pferd zunehmend Körperspannung und Selbstvertrauen. Unglaubliches geschah: «Es war, als würde er sich von innen heraus aufrichten. Schritt für Schritt fand er zu seinem eigenen Gleichgewicht», erzählt die passionierte Pferdefrau.

Für Ursula Schminke sind es genau diese oft unscheinbaren – «nicht sexy», wie sie selbst lächelnd sagt – Momente, die zeigen, welche Wirkung Pferde auf Menschen haben können. «Was zwischen einem Pferd und einem Menschen entsteht, ist etwas sehr Intimes. Diese Verbindung lässt sich durch nichts ersetzen.»

Bewusst klein bleiben

Der Verein wird heute hauptsächlich durch eine Stiftung, Patenschaften, Mitgliederbeiträge und einzelne Veranstaltungen getragen. Um weitere Angebote aufzubauen, braucht es jedoch zusätzliche Unterstützung. Geplant sind Kooperationen mit Alters- und Pflegeheimen, Institutionen sowie Angebote für Kinder und Menschen mit besonderen Bedürfnissen.

Trotz vieler Ideen verfolgt Ursula Schminke eine klare Philosophie: Wachstum ist nicht das Ziel. «Wir möchten bewusst klein bleiben. Nicht möglichst viele Pferde, sondern genügend Zeit für jedes einzelne – und für die Menschen, die zu uns kommen.»

Ein neues Kapitel nach dem Reitsport

Für Ursula Schminke endet die Geschichte eines Pferdes nicht mit seiner aktiven Zeit unter dem Sattel. Im Gegenteil: Gerade im Alter können Pferde Menschen auf besondere Weise begleiten und berühren: «Es ist wichtig zu zeigen, dass das Leben eines Pferdes nach dem Reiten oder nach der aktiven Zeit im Pferdesport nicht vorbei ist. Gerade dann kann etwas Neues entstehen – für das Pferd und für den Menschen.»

Mit «Les Ailes de La Paloma» zeigt sie, dass aus einem Lebensabend ein neuer und wunderschöner Anfang werden kann – für Pferde ebenso wie für die Menschen, die ihnen begegnen. In Cottens ist ein Ort entstanden, an dem Fürsorge, Fachwissen und Respekt täglich gelebt werden – leise, aber mit einer Wirkung, die weit über den Stall hinausreicht.