Sophie Mottu Morel, Alban Poudret – 100 Jahre CHI Genf: Was bedeutet dieses Jubiläum für Sie persönlich?
Sophie Mottu Morel: Dieses Jubiläum bedeutet mir sehr viel. Sei es wegen meiner Kindheitserinnerungen an der Eisbahn von Les Vernets oder wegen der grossartigen Momente, die wir im Palexpo erlebt haben. Ich freue mich besonders, dass der CHI die Jahre trotz schwieriger Zeiten wie Kriegsjahre oder in jüngerer Zeit der COVID-Pandemie überstanden hat. Das hat ihn sicherlich noch stärker gemacht. Ich muss sagen, dass ich sehr stolz bin, Teil dieses grossartigen Teams zu sein, das sich mit so viel Herzblut für den Erfolg der Veranstaltung einsetzt. Als Direktorin ist es meine Aufgabe, den Fortbestand dieser Veranstaltung zu sichern und dafür zu sorgen, dass wir unseren Kurs und unsere Werte beibehalten. Das ist eine langwierige Arbeit, die sich aber auszahlt, denn heute können wir das 100-jährige Jubiläum feiern.
Alban Poudret: Das ist der Beweis dafür, dass die Leidenschaft von Generation zu Generation weitergegeben wurde – sowohl bei den Organisatoren als auch bei den Helferinnen und Helfern und dem Publikum –, dass alle Beteiligten es verstanden haben, ihre Begeisterung und eine Geschichte weiterzugeben; es ist wunderbar, Teil dieser langen Reise zu sein. Und persönlich war es bei mir auch so, denn mein Urgrossvater, ein grossartiger Springreiter und Kommandant des Eidgenössischen Armeepferdedepots (DFCA/EMPFA), war 1938 Jurypräsident und sogar Präsident des Organisationskomitees. Und mein Vater nahm mich schon mit, als ich fünf Jahre alt war, daran erinnere ich mich noch sehr gut! Dort und auch in Morges, in Yverdon und später in Tramelan entstand meine Leidenschaft für diesen Sport.
Wenn Sie an die Geschichte des CHI in Genf zurückdenken, welcher Moment oder welche Begegnung hat Sie besonders geprägt?
Sophie Mottu Morel: Es fällt mir schwer, einen bestimmten Moment auszuwählen, der mich geprägt hat, denn natürlich gibt es viele. Wenn ich ein wenig in der Zeit zurückgehe und an die Eishalle Les Vernets denke, erinnere ich mich daran, wie ich ganz schüchtern Nelson Pessoa in den Gängen begegnet bin, Milton auf der Bahn bewundert habe oder Ludger Beerbaum zum ersten Mal gesehen habe. Und wenn ich an das Palexpo denke, fallen mir der Sieg von Steve und Jalisca im Jahr 2006 ein, der Abschied von Nino im Jahr 2016, die Weltcup-Finals 2010 oder auch der Sieg von Steve und Nino im Jahr 2013 im ersten Jahr des Grand Slam. Und abgesehen von all diesen sportlichen Erinnerungen kommen mir auch all die gemeinsamen Momente mit dem Team und vor allem mit Alban in den Sinn, mit dem ich nun schon seit über 20 Jahren zusammenarbeite.
Alban Poudret: Ja, Sophie und ich verbindet eine grosse Freundschaft; wir ergänzen uns sehr gut und teilen gleichzeitig dieselben Werte. Es gibt so viele Momente: den Nationenpreis 1973 im Vieux Palais des Expositions, als das Publikum Bundesrat Gnägi ausbuht, nachdem er die Kavallerie abgeschafft hatte; den Sieg des genialen John Whitaker und seines wunderbaren Milton in der Patinoire des Vernets im Jahr 1989; die beiden Weltcup-Finals, der Überraschungssieg von Steve Guerdat mit Jalisca Solier im Weltcup-Grand-Prix 2006, der einen Neuanfang bedeutete, der Abschied von Nino des Buissonnets…was für unglaubliche Erinnerungen!
Das CHI in Genf hat sich in den letzten 100 Jahren ständig weiterentwickelt. Was hat sich Ihrer Meinung nach am meisten verändert – und was ist bis heute gleich geblieben?
Sophie Mottu Morel: Wenn ich darüber nachdenke, was sich seit der Gründung des CHI am meisten verändert hat, dann ist das natürlich die Entwicklung unseres Sports. Die Organisatoren, sowohl die vor uns als auch die von heute, müssen sich ständig neuen Entwicklungen stellen, und das macht die Aufgabe manchmal schwierig. Und was für mich gleich geblieben ist, sind vor allem die freundschaftlichen Bindungen zwischen den Mitgliedern des Organisationskomitees und die Leidenschaft, die das gesamte Team antreibt – sei es unser Verein, die Komiteemitglieder, die Freiwilligen oder all die anderen Personen, die sich für die Veranstaltung engagieren. Die sportlichen wie auch finanziellen Herausforderungen sind bei der Organisation einer Veranstaltung dieser Grössenordnung natürlich gewaltig, aber trotzdem ist es dem CHI gelungen, seine Werte und seine Leitlinien beizubehalten.
Alban Poudret: Die Einstellung der Organisatoren und Freiwilligen ist dieselbe geblieben, die Leidenschaft ist dieselbe – wir wollen selbstlose Diener sein, keine Geschäftsleute. Sicherlich gibt es viel mehr Geld und Interessen im Sport, auch in dieser Sportart, aber wir wollen unseren Kindheitsträumen treu bleiben.
CHI Genf in drei Worten: Pferd, Freundschaft und Exzellenz.
Sophie Mottu Morel
Sophie, Sie stehen seit vielen Jahren an der Spitze des CHI Genf. Was hat Sie in dieser Funktion im Laufe der Jahre besonders geprägt?
Sophie Mottu Morel: Tatsächlich habe ich nun schon seit über 20 Jahren das Glück, an der Spitze des CHI Genf zu stehen. Und es macht mir heute noch genauso viel Spass wie am ersten Tag. Ich spreche von Glück, denn ich halte mich tatsächlich für äusserst glücklich, in einem Beruf arbeiten zu dürfen, der mich begeistert. Was mich besonders beeindruckt hat, war der Empfang, den mir die Vorstandsmitglieder bei meiner Ankunft bereitet haben. Ich war jung. Sie haben mir ihr Vertrauen geschenkt, und dafür danke ich ihnen von ganzem Herzen.
Alban, Sie gelten als einer der grössten Kenner der Geschichte des CHI Genf. Was macht dieses Turnier aus sportlicher Sicht so besonders?
Alban Poudret: Das liegt auch an meinem Alter – ich habe nämlich 50 der 65 Ausgaben miterlebt und 34 davon als Sportdirektor organisiert! Die Geschichte des Pferdesports fasziniert mich, ich habe mehrere Bücher zu diesem Thema geschrieben, über das CHI Genf – gerade stelle ich den zweiten Band fertig –, ebenso wie über die Olympiasieger oder über Jappeloup und Milton. Das Besondere daran ist, dass die sportliche Hierarchie am CHI Genf derjenigen an den grossen Meisterschaften sehr ähnlich ist. Umso mehr, seit Steve zum Weltmeister und zum grössten Springreiter der Geschichte gekrönt wurde, denn in Genf hat er mit 16 Siegen in Grossprüfungen ebenfalls alle Rekorde gebrochen – das ist phänomenal! Das muss ihm einiges an Selbstvertrauen gegeben haben. Je mehr das Publikum seinen Sieg wollte, je grösser der Druck war, desto öfter gewann er!
CHI Genf in drei Worten: Sehr «pferdeorientiert», abwechslungsreich und farbenfroh!
Alban Poudret
Vom Palais des Expositions über verschiedene Standorte bis hin zum Palexpo: Das CHI hat sich immer wieder neu erfunden. Wie schafft man es, die Tradition zu bewahren und gleichzeitig mit der Zeit zu gehen?
Sophie Mottu Morel: Zunächst einmal denke ich, dass man vor allem im Auge behalten muss, dass wir nicht hier sind, um persönlich zu glänzen, sondern um das CHI de Genève zum Strahlen zu bringen und seinen Fortbestand zu sichern. Um dies zu erreichen, ist es unsere Pflicht, an unseren Werten festzuhalten und gleichzeitig mit der Entwicklung unseres Sports Schritt zu halten, auf Kritik einzugehen, eigene Vorschläge einzubringen und uns den Rat von Personen zu sichern, die in unserem Sport aktiv sind. Es ist entscheidend, sich selbst zu hinterfragen und sich weiterzuentwickeln, dabei aber stets im Auge zu behalten, dass das Pferd im Mittelpunkt unserer Überlegungen steht.
Alban Poudret: Das ist eine spannende Frage, aber wir werden versuchen, uns kurz zu fassen! Gleichzeitig haben wir die grossen klassischen Prüfungen gepflegt und in den Archiven gekramt, um beispielsweise eine Kombinationsprüfung mit einem Vierfachsprung wiederzubeleben und so das Programm abwechslungsreicher zu gestalten – wobei wir jedoch bei der FEI eine Regeländerung bezüglich des Tierschutzes beantragt haben, damit es im Stechen nur eine einzige Kombination gibt. Wir haben versucht, unseren Sport zu modernisieren, indem wir ihn kürzer und medienwirksamer gestaltet haben. So haben wir gemeinsam mit dem Reiterclub (IJRC) über die beste Formulierung für die Top 10 nachgedacht. Wir haben die «Défi des champions» ins Leben gerufen sowie Show-Prüfungen wie die Jagd ohne Sattel oder das Masters, um die Reiter näher an die Zuschauer heranzubringen. Wir haben auch viel für den Nachwuchs getan, von den Ponys bis zu U25. Die Idee ist auch, sehr abwechslungsreiche Programme anzubieten, daher die Aufnahme des Vierspänner-Weltcups oder des Indoor-Cross-Country, das einen riesigen Erfolg verzeichnet.
Gibt es einen Moment in der Geschichte des CHI, von dem ihr beide sagen würdet: «Das war ein Wendepunkt»?
Sophie Mottu Morel: Für mich ist es ganz klar die Gründung des Grand Slam, um unserem Presenting-Sponsor treu zu bleiben, der uns seit 1994 zur Seite steht. Ohne ihn könnten wir uns die Zukunft des CHI nicht vorstellen. Die Chance und das Privileg, eine Partnerschaft mit dem CHIO Aachen und den Spruce Meadows Masters in Calgary (und später mit den Dutch Masters in 's-Hertogenbosch) einzugehen, hat den CHIG auf ein neues Niveau gehoben. Es war äusserst motivierend und spannend, sich mit den Organisatoren dieser grossen Turniere auszutauschen und dieses neue Konzept zu entwickeln. Auch wenn sich unsere Entscheidung heute als richtig erwiesen hat, hatten wir dennoch Zweifel und Bedenken, denn wir mussten schnell handeln und vor allem alle hinter dieser Entscheidung und diesem innovativen Konzept versammeln.
Alban Poudret: Ja, absolut, es war zugleich der schwierigste und komplizierteste Moment – wir mussten blitzschnelle und schwerwiegende Entscheidungen treffen, die uns langfristig verpflichteten – und gleichzeitig spannend und berauschend. Wir haben schnell die Begeisterung der Reiter gespürt, und das hat uns in eine ganz neue Dimension versetzt. Wir dachten nun gemeinsam mit den Organisatoren von Aachen und Calgary über die Zukunft unseres Sports nach. Sie waren zwar bereits Freunde, aber dass wir nun am selben Tisch zusammenarbeiten würden!
Was macht diese besondere Atmosphäre in Genf aus, die den Concours zu einem unverzichtbaren Termin im Kalender macht, selbst für die besten Reiter und Reiterinnen der Welt?
Sophie Mottu Morel: Man sagt es oft: Der CHI Genf ist eine grosse Familie, die sich für diesen wunderbaren Sport begeistert. Ich denke dabei natürlich an das Organisationskomitee, aber auch an alle Freiwilligen des CHI Genf. Wir sagen, sie seien die Seele des CHI Genf, und das stimmt. Sie tragen massgeblich zum Erfolg des Turniers, aber auch zu seiner Atmosphäre bei. Ich denke auch, dass die verschiedenen Inszenierungen auf dem grossen Parcours der Veranstaltung einen Hauch von Magie verleihen. Und schliesslich gibt es noch viele weitere kleine Details, sei es der Empfang oder die Infrastruktur, die das Markenzeichen des CHI Genf ausmachen.
Alban Poudret: Ein sehr fachkundiges Publikum und Fans der Besten, egal ob aus der Schweiz oder dem Ausland, gute Moderatoren und eine dynamische Inszenierung. Für die Reiter sind es ausserdem die sehr aufmerksamen Freiwilligen und die sehr grosszügigen und praktischen Einrichtungen. Die Sorgfalt, die jedem Detail gewidmet wird, vor allem den Pferden.
Die Jubiläumsausgabe 2026: Die 100. Ausgabe rückt mit grossen Schritten näher. Was können die Besucher erwarten?
Sophie Mottu Morel: Das stimmt, das Jahr neigt sich bald dem Ende zu. Seit Monaten arbeiten wir bereits an dieser Sonderausgabe und überlegen uns, wie wir Geschichte und Gegenwart miteinander verbinden können. Ich lade übrigens alle ein, unseren verschiedenen Kanälen zu folgen, auf denen wir bereits zahlreiche Anekdoten geteilt haben. Ausserdem können unsere Besucher, wenn sie ins Palexpo kommen, in die Vergangenheit eintauchen und die Entwicklung des Concours entdecken. Mehrere Projekte werden nun Gestalt annehmen, und wir freuen uns darauf, dass unser Publikum sie entdecken kann. Auch das Ausstellerdorf wird ein neues Gesicht erhalten. Und auf dem Parcours haben wir ebenfalls Gegenwart und Vergangenheit miteinander verwoben – mit der Rückkehr legendärer Prüfungen.
Alban Poudret: Auf ein grosses Fest! Es wird ein wahres Feuerwerk an Attraktionen geben – zwei, drei oder vier pro Tag – sowie fünf zusätzliche Prüfungen: die Rückkehr der «Six Barres» und der Jagd ohne Sattel, einen zweiten «Prix des Familles» nach 1998 mit grossen Reiterdynastien und die «UBS Défi du siècle», bei der an den ersten drei Tagen Olympiasieger, Weltmeister und Europameister gegen die bestkonstantesten Reiter antreten werden. Ausserdem geht es darum, den Weltmeistertitel von Steve Guerdat sowie den Rücktritt von Grandeur de Lully CH zu feiern, was für Robin Godel, aber auch für uns sehr bewegend sein wird. Es werden also fünf internationale Tage sein, und da lohnt es sich, ein Abonnement zu kaufen!
Dieses Jubiläum wird ausserdem mit besonderen Veranstaltungen gefeiert. Auf welchen Moment freust du dich persönlich am meisten?
Sophie Mottu Morel: Diese Jubiläumsausgabe wird von mehreren Feierlichkeiten geprägt sein; ich freue mich schon auf die Zeremonie am Donnerstag oder auch auf das für Sonntag geplante Morgenessen auf der Reitbahn. Und natürlich freue ich mich sportlich gesehen auf die Feier, die wir gerade zu Ehren von Steve und Dynamix planen. Zu Beginn des Interviews haben wir über die prägenden Momente am CHI Genf gesprochen, und ich hoffe aufrichtig, dass diese Feier dazu gehören wird.
Alban Poudret: Wir haben vom Fest gesprochen. Es geht darum, den Weltmeistertitel von Steve Guerdat und den unglaublichen Dreifach-Sieg von Dynamix an den Meisterschaften zu feiern sowie die grössten Reiter in der Geschichte des CHI zu würdigen. Ausserdem wird Grandeur de Lully CH in den Ruhestand verabschiedet, was für Robin Godel, aber auch für uns sehr bewegend sein wird.
Was sind Ihre Wünsche für diese Jubiläumsausgabe – sowohl in sportlicher Hinsicht als auch für das Publikum und alle, die hinter den Kulissen arbeiten?
Sophie Mottu Morel: Ich hoffe vor allem, dass auf der Bahn alles glatt läuft. Aber ich wünsche mir auch, dass das gesamte Publikum – seien es unsere Besucher, unsere Freiwilligen oder unsere Partner – mit strahlenden Augen nach Hause geht.
Alban Poudret: Dass der Sport wie in den letzten Jahren auf hohem Niveau stattfindet, dass alle Beteiligten und Zuschauer glücklich sind, dass die Freiwilligen Zeit haben, einen Teil des Spektakels zu geniessen – die Tage werden sehr lang sein! – und dass alle mit einem guten Gefühl in das Jahr 2027 starten!
Und wenn wir 25 Jahre in die Zukunft blicken: Wie sollte der CHI in Genf anlässlich seines 125-Jahr-Jubiläums aussehen?
Sophie Mottu Morel: Ich hoffe, dass der CHI weiterhin Modernität mit der Bewahrung seiner Werte verbinden wird. Ich hoffe auch, dass das Organisationskomitee dieselbe Begeisterung wie heute haben wird und dass das Pferd immer im Mittelpunkt ihrer Überlegungen stehen wird.
Alban Poudret: Ich hoffe, dass die jungen Menschen, die in unsere Fussstapfen treten, dieselbe reine Leidenschaft für das Pferd und für den echten Sport bewahren werden.