Mit Shetlandponys im Altersheim

Es herrscht Aufregung im Alters- und Pflegeheim VIVIVA Baar: Die Shetlandponys sind zu Besuch und zaubern selbst den Menschen mit Demenzerkrankungen mit sonst wenig sozialer Interaktion ein Strahlen in die Augen und ein Lächeln ins Gesicht. Das ist Pferdegestützte Intervention – wenn das Pferd für Menschen in herausfordernden Lebenssituationen zum besten Freund wird. Anders als bei der Hippotherapie oder dem heilpädagogischen Reiten, wo das Pferd physiotherapeutisch hilft, steht bei der Pferdegestützten Intervention die fantastische Fähigkeit des Pferdes im Vordergrund, Brücken zu schlagen, Kommunikationsbarrieren zu durchbrechen und Lebensfreude zu vermitteln.

Shetlandpony im Pflegeheim VIVIVA in Baar | © pi-ch.ch

Pferde spiegeln das Innerste des Menschen und sind in der Lage, oft unbewusste Stärken und Schwächen an die Oberfläche zu tragen. Pferde urteilen nicht, sondern schenken gerade in Therapiesituationen bedingungslos und unvoreingenommen ihr Vertrauen. So fördern sie eine offene Kommunikation auf einer Ebene, die uns Menschen tief berührt. Denn der Umgang mit Pferden wirkt auf alle Sinne und spricht damit die körperliche, emotionale, geistige und soziale Ebene an. Das alles ist Pferdegestützte Intervention – vom Sozialkontakt und der Aktivierung bei Menschen mit Demenz bis hin zur Reittherapie mit Kindern im Spektrum von ADHS oder Autismus.

Eine solche Zusammenarbeit zwischen Pferd und Mensch erfordert von der begleitenden Fachperson sehr viel Pferde- und Menschenkenntnis, eine fundierte Ausbildung sowie Einfühlungsvermögen und Rücksichtnahme. Eine verantwortungsvolle Aufgabe!

Natascha Mächler ist Vorstandsmitglied des Schweizer Berufsverbands für Pferdegestützte Interventionen PI-CH und hat als Kind selbst erlebt, welch heilsame Wirkung das Pferd hat: «Ich war eine Frühgeburt und konnte bis ich 3 Jahre alt war nicht gehen. Ich habe jede Art von Therapie verweigert – bis das Pferd als Therapeut in mein Leben trat. Seither begleiten mich diese wunderbaren Wesen, und nach einer Erstausbildung im gestalterischen Bereich entschied ich mich, über den zweiten Bildungsweg die Pferdegestützte Intervention zum Beruf zu machen.» Heute ist sie Inhaberin des Reitguts Rosenhof und kennt die schönen und die herausfordernden Momente der Pferdegestützten Interventionen aus ihrem Alltag. Ihre Faszination für die einzigartige Beziehung zwischen Pferd und Mensch ist ungebrochen: «Es berührt mich immer wieder aus Neue, wenn ich sehe, welche Felder Pferde öffnen können, wenn Menschen therapiemüde sind. Bildlich gesprochen führe ich als Therapeutin Pferd und Mensch an die Brückenpfeiler – die Brücke überqueren und neue Landschaften erkunden, dürfen die beiden dann gemeinsam.»

Das Pferdewohl an erster Stelle

Damit ein Pferd die anspruchsvolle Aufgabe als Therapeut mit Freude erfüllen kann, muss es sich rundum wohlfühlen. Dazu gehört die artgerechte Haltung genauso wie die sorgfältige und gezielte Ausbildung, aber auch die grundsätzliche charakterliche Eignung, wie Natascha Mächler weiss: «Pferde, die in der Tiergestützten Intervention eingesetzt werden, müssen von Natur aus neugierig und aufgeweckt sein – das merkt man schon beim Fohlen.»

In der Ausbildung müssen viele Aspekte berücksichtig werden, damit Körper und Geist gesund bleiben und das Pferd in jeder Therapiesituation ein verlässlicher Partner ist, erläutert Natascha Mächler: «Ein Therapiepferd braucht wie jedes Reitpferd eine sorgfältige klassische Grundausbildung, um Gleichgewicht und Tragfähigkeit zu erlangen. Daneben trainieren wir viel mit Bodenarbeit und Desensibilisierung, damit sie lernen, mit Umweltreizen umzugehen. Das kann auch spielerisch sein, beispielsweise an einem Patrouillenritt oder einem Gymkhana. Wir trainieren unsere Pferde nicht nur im Schritt, sondern auch im Trab und Galopp, damit sie körperlich fit und geistig ausgeglichen sind. Pferde erfüllen jede Aufgabe gerne, gerade auch in Therapie-Situationen. Aber sie müssen sich dabei wohlfühlen können und der Aufgabe in jeder Beziehung gewachsen sein.»

Wie wichtig dieser Aspekt ist, zeigt sich vom Jungpferd bis zum Senior, wie Natascha Mächler betont: «Jungtiere müssen behutsam an die Aufgabe herangeführt werden. Die begleitende Fachperson und das Pferd müssen sich beim ersten Therapieeinsatz schon sehr gut kennen und eingespielt sein. Deshalb bilden wir unsere Therapiepferde auch selbst aus. Im besten ‹arbeitsfähigen› Alter müssen die Pferde dann dosiert und überlegt eingesetzt werden, damit sie langfristig einsatzbereit, freudig und gesund bei der Sache sind. Die mentale Anstrengung der Therapiearbeit für ein Pferd ist nicht zu unterschätzen. Und wenn sie dann in ein Alter kommen, da sie nicht mehr voll belastbar sind, haben wir die Erfahrung gemacht, dass sie sich wohler fühlen, wenn sie trotzdem noch einige wenige Einsätze leisten dürfen, statt auf die – gutgemeinte – Seniorenweide verbracht zu werden. Sie haben ein Leben lang mit und für den Menschen gearbeitet und wollen dies auch im Alter tun. Sie wollen eine Aufgabe haben, und sei es nur, dass sie beispielsweise von einem Kind mit ADHS gestreichelt und geputzt werden.»

Kompetenz dank Hochschulbildung

Um Pferdegestützte Interventionen anzubieten, braucht es nicht nur fundiertes Pferdewissen und reiterliches Können, sondern auch eine berufliche Grundlage in den Bereichen Pädagogik, Sozialpädagogik, Heilpädagogik oder einem Gesundheitsberuf. In den weiterführenden Hochschulausbildungen wie dem DAS (Diploma of Advanced Studies) in Pferdegestützter Therapie der Hochschule für Gesundheit Freiburg wird dann das spezifische theoretische und praktische Wissen rund um Themen zum Therapiepartner Pferd und zu den relevanten Krankheitsbildern weiter vertieft. Damit erlangen die Therapeutinnen und Therapeuten die EMR-Anerkennung, und die Interventionen können unter bestimmten Voraussetzungen über die Zusatzversicherung der Krankenkasse abgerechnet werden. Die nächste Informationsveranstaltung zum DAS Pferdegestützte Therapie findet am 24. September 2025, 19.00-20.30 Uhr, online statt.

Verschiedene Schweizer Universitäten, beispielsweise Basel und Luzern, bieten einen CAS (Certificate of Advanced Studies) in tiergestützter Intervention an, wo nicht nur das Pferd, sondern das Tier im weiteren Sinn als Therapiepartner im Fokus steht.

Der Berufsverband PI-CH ist Mitglied von Swiss Equestrian und berät und begleitet Fachpersonen, die Pferdegestützte Interventionen anbieten, und vertritt die gemeinsamen beruflichen Anliegen in Fachkreisen und in der Öffentlichkeit. Mit einer Qualitätsplakette für zertifizierte Therapie-Ställe zeichnet der Verband die professionelle und artgerechte Haltung von Pferden für den therapeutischen Einsatz aus.