Männer in der Voltige – eine Leidenschaft, die mit Vorurteilen aufräumt

Teil 1/2: Von den Anfängen bis heute – Als spektakuläre Disziplin an der Schnittstelle von Gymnastik und Reitsport begeistert die Voltige durch ihre technische Präzision und ihre künstlerische Ausdruckskraft. In der Schweiz entwickelt sie sich weiter – getragen von motiviertem Nachwuchs und engagierten Akteuren wie Lionel Aller (Mitglied der Swiss Equestrian Juniorenkader) und Rémy Brunner (Trainer). In diesem ersten Teil werfen wir einen Blick auf ihre Anfänge und ihren bisherigen Weg.

Von links nach rechts: Lionel Aller und Remy Brunner im Pas-de-deux mit Michelle Brügger.

Für den Einzelvoltigierer Lionel Aller war die Voltige nicht von Anfang an selbstverständlich. Heute ist er ein Athlet mit klarer Aufwärtstendenz und wird von seiner Haupttrainerin Irène Zumkehr begleitet, die eine zentrale Rolle in seiner Entwicklung spielt.

Zur Voltige kam Lionel durch seine Schwester Lina. Sie übte den Sport bereits aus und brachte ihn mit einer Disziplin in Kontakt, die ihn sofort faszinierte: «Mich hat die Kombination aus Kraft, Akrobatik und der Arbeit mit dem Pferd begeistert.» Anfangs zögerte er noch, da Voltigieren oft als «Mädchensport» wahrgenommen wird. Dennoch entschied er sich, es zu versuchen: «Meine Schwester hat mich zu einem Probetraining ermutigt – und ich war sofort begeistert.»

Seitdem hat ihn die Leidenschaft nicht mehr losgelassen. Zwischen intensiven Trainings, Fortschritten und der Zeit mit den Pferden ergibt sich für ihn ein stimmiges Gesamtbild: «Mich motiviert die Freude am Sport, die Verbindung mit dem Pferd und die Tatsache, dass wir hauptsächlich draussen trainieren.» Die Fortschritte liessen nicht lange auf sich warten – und mit ihnen neue Herausforderungen. Als seine Trainerin ihm vorschlug, zusätzlich im Einzel zu starten, war seine Antwort klar: «Ich habe keine Sekunde gezögert.»

Auf diesem Weg ist er nicht allein. Seine Trainerin Irène sowie sein Pferd Coretto spielen eine entscheidende Rolle: «Wir erleben gemeinsam unglaubliche Momente.» Heute blickt Lionel weit nach vorne – sehr weit sogar. Sein Ziel sind die Junioren-Europameisterschaften 2026 in Le Mans. Vor allem aber möchte er sich weiterentwickeln und die Freude am Sport bewahren. Und für alle, die noch zögern – insbesondere Jungs – hat er eine klare Botschaft:

«Trau dich! Es ist ein Sport, der Kraft, Mut, Ausdauer und Gleichgewicht vereint.»

Ein Athleten- und Trainerblick auf die Männer in der Voltige

Als aktiver Athlet und gelegentlich auch als Trainer verfolgt Rémy Brunner die Entwicklung der Disziplin sehr genau. Seine Einschätzung basiert auch auf seinem eigenen Werdegang.

Obwohl er bereits zuvor international gestartet war, kam es im Jahr 2021 bei seiner ersten Teilnahme an einem Championat zu einem entscheidenden Moment: «Die intensive Vorbereitung und das Training in dieser Saison haben mich stark geprägt und mir den Wunsch gegeben, den Sport auf diesem Niveau weiterzuführen.»

Im Jahr 2023 führte ihn sein Militärdienst zu einer einjährigen Pause: «Ich wollte nebenbei weitertrainieren, aber das war logistisch nicht möglich. In dieser Zeit habe ich erst richtig gemerkt, wie sehr mir das Training fehlt und wie viel mir der Sport bedeutet.»

Heute fällt seine Analyse differenziert aus: «In den letzten Jahren nehme ich die Entwicklung bei den Männern eher als stagnierend, wenn nicht sogar leicht rückläufig wahr.» Während es im Juniorenbereich mehrere männliche Voltigierer gibt, nimmt ihre Präsenz im Seniorenbereich deutlich ab: «Das zeigt, dass es nicht nur darum geht, junge Männer für den Sport zu gewinnen, sondern sie auch langfristig zu halten.»

Neben seiner eigenen sportlichen Tätigkeit engagiert sich Rémy Brunner auch im Trainingsbereich und unterstützt regelmässig die Herrentrainings in der Ostschweiz gemeinsam mit Andrin Müller.

Im Training bestehen zwar Unterschiede, diese sollten jedoch nicht entscheidend sein: «Entscheidend ist, die individuellen Stärken zu fördern und gezielt an den Entwicklungspotenzialen zu arbeiten.» Eine zentrale Rolle spielen dabei Motivation, Disziplin und ein individuell angepasstes Training.

Eine der grössten Herausforderungen bleibt das Image der Disziplin: «Voltigieren haftet noch immer das Klischee eines ‹Frauensports› an.» Ebenso anspruchsvoll ist die Phase, in der sich ein Hobby zum Leistungssport entwickelt: «Die Schwierigkeit liegt darin, die jungen Athleten in dieser Phase im Sport zu halten.»

Für die Zukunft sieht Rémy Brunner klare Ansatzpunkte: «Es ist wichtig, die bereits aktiven Jungs für Voltigieren als Leistungssport zu begeistern und gleichzeitig eine breitere Basis aufzubauen.» Dabei spielen auch Vorbilder eine entscheidende Rolle: «Wenn es starke männliche Vorbilder gibt, wird es einfacher, die Jungs langfristig im Sport zu halten und weitere zu motivieren.»

Trotz der bestehenden Herausforderungen bleibt er optimistisch: «Das Potenzial ist enorm. Wenn es gelingt, Jungs frühzeitig gezielt zu fördern, eröffnen sich viele Perspektiven. Ich wende mich nun an alle Jungs, die sich für das Voltigieren interessieren: Kommt in die angebotenen Trainings, die allen Jungs, unabhängig vom Niveau, offenstehen … jeder ist herzlich willkommen! »

Im zweiten Teil werfen wir einen Blick auf ihren heutigen Alltag im Leistungssport und auf die Zukunftsperspektiven des Männer-Voltigierens in der Schweiz.