Endurance: Was das Distanzreiten so besonders macht

Bis zu 160 Kilometer an einem Tag, mehrere Stunden im Sattel und dazwischen immer wieder die entscheidende Frage: Ist mein Pferd bereit für die nächste Etappe? Endurance verlangt Ausdauer, Strategie und vor allem ein ausgeprägtes Gespür für sein Pferd. Bei einem Besuch bei Endurance-Reiterin und Vize-Schweizermeisterin Frédérique Ernst wird deutlich, was sie seit vielen Jahren an dieser Disziplin fasziniert.

Impression von der Schweizermeisterschaft Endurance in Zauggenried | © Lea Styger

Frédérique Ernst ist seit 2010 im Distanzsport unterwegs. Ihr Einstieg begann mit Ghanim CH, einem Vollblutaraber, den sie bereits als Dreijährigen kaufte. Nachdem sie zuvor zufällig in einer Pferdezeitschrift über das Distanzreiten gelesen hatte, bestritt sie 2010 mit ihm ihren ersten Distanzritt. Vier Jahre später wurden die beiden Vize-Schweizermeister. Heute gehören die beiden Araber Babylon Rio und Miss Kiss zu den Pferden von Frédérique. Mit Miss Kiss feierte Frédérique erst im August 2026 einen weiteren Erfolg: An der Schweizer Meisterschaft in Zauggenried belegten die beiden über 124 Kilometer den zweiten Rang.

Ein Sport, der Zeit braucht

Wer Endurance kennenlernen möchte, muss nicht bereits ein speziell gezüchtetes Distanzpferd besitzen. Wie Frédérique erklärt, können die tieferen Prüfungen grundsätzlich mit entsprechend vorbereiteten Pferden unterschiedlicher Rassen bestritten werden. Mit zunehmender Distanz und auf internationalem Niveau dominieren jedoch Vollblut- und arabische Pferderassen. Ihre körperlichen Voraussetzungen – Körperbau wie auch ihr Metabolismus – eignen sich besonders gut für lange Distanzen.

Der Aufbau eines Endurance-Pferdes braucht jahrelange Zeit und Geduld. In der Schweiz dürfen Pferde frühestens ab fünf Jahren an den ersten Prüfungsstufen teilnehmen. Mit zunehmender Distanz steigt auch das vorgeschriebene Mindestalter: Für nationale Prüfungen über 80 bis 119 Kilometer müssen die Pferde mindestens sieben Jahre, für Distanzen über 140 bis 160 Kilometer mindestens acht Jahre alt sein. Pferd und Reiter entwickeln sich gemeinsam weiter und qualifizieren sich schrittweise für die höheren Stufen. Genau dieser geduldige Aufbau und die Entwicklung des Pferdes über Jahre machen für Frédérique einen wichtigen Teil der Faszination aus.

International werden die Dimensionen dieses Sports besonders deutlich. FEI-Prüfungen führen über 100 Kilometer bei CEI1*, 120 bis 139 Kilometer bei CEI2* und bis zu 160 Kilometer bei CEI3*. Solche Ritte beginnen häufig bereits früh am Morgen und dauern mehrere Stunden.

Besonders gerne erinnert sich Frédérique an ihre Starts in Fontainebleau in Frankreich. Kilometerlang führten die Strecken dort durch die ausgedehnten Waldlandschaften der Region. Für sie sind es genau diese Erlebnisse in der Natur, die dem Endurancesport seinen besonderen Charakter verleihen.

Nicht einfach möglichst schnell

Beim Endurance zählt nicht allein die Geschwindigkeit. Entscheidend ist, die Kräfte des Pferdes über die gesamte Distanz richtig einzuteilen und dabei Strecke, Bodenbeschaffenheit, Wetter und Tagesform im Blick zu behalten.

Die Ritte führen über mehrere Etappen, unterbrochen von sogenannten Vet-Gates. Dort wird der Gesundheitszustand des Pferdes umfassend kontrolliert. In den nationalen Schweizer CEN-Prüfungen darf die Herzfrequenz beispielsweise höchstens 64 Schläge pro Minute betragen. Auch Gangbild und Allgemeinzustand werden überprüft. Nur wenn das Pferd die Kontrolle erfolgreich besteht, darf es den Ritt fortsetzen.

Im Endurancesport gilt der Grundsatz «Fit to continue»: Entscheidend ist nicht allein das Überqueren der Ziellinie. Das Pferd muss auch danach die abschliessende tierärztliche Kontrolle bestehen.

Rund um die Vet-Gates ist zudem eingespielte Teamarbeit gefragt. Häufig unterstützen zwei bis vier Helfer, Pferd und Reiter. Das Pferd wird abgesattelt, die Trense bis auf das Halfter entfernt und für die Tierarztkontrolle vorbereitet. Dabei muss jeder Handgriff sitzen: Das Team arbeitet effizient und sorgt gleichzeitig für möglichst viel Ruhe rund um das Pferd.

Für Frédérique gehört das genaue Beobachten zum Endurance-Alltag. «Man kennt sein Pferd irgendwann in- und auswendig.» Die Disziplin erfordert entsprechend ein fundiertes veterinärmedizinisches und biomechanisches Wissen über das Pferd – bei den Reiter:innen ebenso wie im betreuenden Team. Wer viele Stunden gemeinsam trainiert und Wettkämpfe bestreitet, lernt, kleinste Veränderungen in Bewegung, Verhalten oder Verfassung frühzeitig wahrzunehmen. Und manchmal bedeutet gutes Management auch, zu erkennen, dass heute nicht der richtige Tag ist.

Eine Partnerschaft über viele Kilometer

Wie eng Pferd und Reiter im Endurancesport zusammenspielen, erlebt Frédérique besonders mit ihrer Stute Miss Kiss. Die 2010 geborene Vollblutaraberstute kam 2018 zu Frédérique. Sie beschreibt sie als Pferd mit einer sehr speziellen Persönlichkeit: eine Stute, die viel Präsenz verlangt, dies aber mit enormem Willen und grosser Leistungsbereitschaft zurückgibt.

Miss Kiss liebt Bewegung und eine klare Aufgabe. Im Rennen verändere sich ihre Ausstrahlung, erzählt Frédérique. «Sie wird fokussiert und scheint genau zu wissen, was bevorsteht.» Für Frédérique ist spürbar: Die Stute freut sich auf ihre Aufgabe und das gemeinsame Erlebnis.

Stirnlampe, breite Steigbügel und etwas mehr Farbe

Frühmorgendliche Starts können bedeuten, dass Reiter noch in der Dunkelheit mit Stirnlampe und reflektierendem Material unterwegs sind. Die Strecken führen mehrheitlich über Feld- und Waldwege.

Entsprechend funktional ist die Ausrüstung. Die Zäumung soll leicht, robust und möglichst unkompliziert sein. Materialien wie Biothane sind im Distanzsport beliebt, weil sie pflegeleicht sind, leicht bleiben und sich nicht mit Wasser vollsaugen. Das ist besonders wichtig, da die Strecken durch unterschiedlichstes Gelände und auch einmal durch einen Bach oder Fluss führen können. Breite Steigbügel bieten über viele Stunden eine grössere Auflagefläche für den Fuss.

Und dann ist da noch die Farbe. Farbige Schabracken, Zäume und Kleidung gehören in der Endurance-Szene längst dazu und verleihen der Disziplin ihr charakteristisches Erscheinungsbild.

«Wir sind schon eine bunte Truppe», sagt Frédérique lachend.

Eine Community, die über Grenzen hinweg zusammenhält

Auch die Gemeinschaft prägt den Endurancesport. Über längere Distanzen bilden sich unterwegs oft Gruppen von Reiter:innen mit einem ähnlichen Tempo. Kommt es auf der Strecke zu einem Zwischenfall, hilft man einander – unabhängig von Nationalität oder sportlichem Niveau.

«Man hilft sich, egal, aus welchem Land man kommt und ob man als Amateur oder Profi unterwegs ist», beschreibt Frédérique den besonderen Zusammenhalt.

Auch die Haltung der Pferde spielt für viele Distanzreiter:innen eine wichtige Rolle. Frédérique setzt auf viel freie Bewegung und das Leben im Herdenverband. Gerade bei internationalen Veranstaltungen, bei denen zahlreiche Pferde gemeinsam auf die Strecke gehen, profitieren die Pferde davon, Bewegung und den Kontakt in der Gruppe aus ihrem Alltag zu kennen.

Eine Disziplin, die einen zweiten Blick verdient

Endurance gehört in der Schweiz zu den kleineren Pferdesportdisziplinen. Wer sich jedoch die Zeit nimmt, genauer hinzuschauen, entdeckt einen faszinierenden Sport mit einer ganz eigenen Kultur.

Es geht um viele Kilometer in der freien Natur, um Gemeinschaft und Abenteuer – und um die besondere Verbindung zwischen Mensch und Pferd. Genau diese Mischung macht für Frédérique Ernst die Faszination des Endurancesports aus.