Wenn diese Woche der CSIO St. Gallen stattfindet, richtet sich der Blick der internationalen Pferdesportwelt erneut auf die Schweiz. Das traditionsreiche Turnier gehört seit Jahrzehnten zu den bedeutendsten Reitsportveranstaltungen Europas und steht exemplarisch für die Bedeutung des Pferdesports in der Schweiz – sportlich, gesellschaftlich und wirtschaftlich.
Für Swiss Equestrian-Präsident Damian Müller zeigt der Anlass, wie stark der Pferdesport hierzulande verankert ist: «Der CSIO St. Gallen verbindet Spitzenleistungen, Tradition, Nachwuchsförderung und ehrenamtliches Engagement auf einzigartige Weise. Genau diese Verbindung macht den Pferdesport in der Schweiz aus.»
Gleichzeitig stehe der Sport zunehmend unter gesellschaftlicher Beobachtung. Gerade deshalb seien Glaubwürdigkeit, Verantwortung und gelebte Werte heute wichtiger denn je.
Damian Müller, weshalb hat ein Anlass wie der CSIO St. Gallen für Swiss Equestrian eine so grosse Bedeutung?
Weil der CSIO sichtbar macht, was Pferdesport in der Schweiz bedeutet. Der Anlass bringt Menschen zusammen – weit über den eigentlichen Sport hinaus. Gleichzeitig zeigt er, wie breit der Pferdesport gesellschaftlich verankert ist: in Vereinen, Ausbildungsbetrieben, Veranstaltungen und im Breitensport. Viele Menschen engagieren sich mit grossem Einsatz und Begeisterung für den Pferdesport. Dieses Engagement verdient Sichtbarkeit und Wertschätzung.
Welche Rolle spielt der Pferdesport gesellschaftlich?
Eine grössere, als viele denken. Pferdesport verbindet Generationen, Regionen und unterschiedlichste Menschen. Gleichzeitig leistet die Pferdebranche auch wirtschaftlich und kulturell einen wichtigen Beitrag zur Schweiz. Entscheidend ist aber vor allem die Verantwortung, die mit dem Umgang mit dem Pferd verbunden ist. Respekt, Verlässlichkeit und langfristiges Denken prägen unseren Sport. Deshalb ist für Swiss Equestrian klar: Sportlicher Erfolg allein genügt nicht. Wir müssen auch erklären können, wofür wir stehen und wie wir Verantwortung wahrnehmen.
Sie sprechen oft von Verantwortung und Haltung. Warum ist das derzeit so zentral?
Weil gesellschaftliche Erwartungen gestiegen sind – zu Recht. Ein Verhaltens-Codex allein reicht nicht. Entscheidend ist, wie sich Menschen im Alltag verhalten – gerade auch in Situationen, die informeller sind oder in denen Grenzen verschwimmen. Dazu gehört auch, sich selbstkritisch zu fragen: Wo müssen wir genauer hinschauen? Wo brauchen wir mehr Sensibilität? Und wo müssen wir klarer handeln? Unser Ziel ist ein Umfeld, in dem Respekt, Vertrauen und Verantwortung nicht nur formuliert, sondern im täglichen Handeln spürbar werden.
Welche Momente haben deutlich gemacht, dass Wertearbeit kein Selbstläufer ist?
Es gab interne Diskussionen und Rückmeldungen, die deutlich gemacht haben, dass wir uns in gewissen Bereichen weiterentwickeln müssen. Einzelne Massnahmen wurden von Mitgliedern kritisch hinterfragt, weil sie nicht ausreichend mit den Werten übereinstimmten, für die wir als Verband stehen und die den heutigen gesellschaftlichen Erwartungen entsprechen sollen. Als Verband tragen wir Verantwortung für die Kultur in unserem Sport. Deshalb haben wir die Diskussion bewusst aufgenommen, analysiert und konkrete Schritte daraus abgeleitet.
Was wurde konkret angestossen?
Wir überprüfen derzeit nicht nur einzelne Abläufe, sondern auch unsere Zusammenarbeit und Verantwortungskultur insgesamt. Wichtig ist mir dabei: Die Verantwortlichkeiten innerhalb von Swiss Equestrian sind klar geregelt. Der Vorstand trägt die strategische Verantwortung, die Geschäftsstelle führt operativ, die Technischen Komitees verantworten die fachlichen und sporttechnischen Entscheide in ihren Disziplinen und die verschiedenen Kommissionen sowie Fachgremien übernehmen klar definierte Aufgaben und Zuständigkeiten. Diese Rollenverteilung ist bewusst so ausgestaltet. Weder der Präsident noch einzelne Vorstandsmitglieder treffen Entscheide im Alleingang oder greifen in operative oder fachtechnische Zuständigkeiten ein. Entscheide werden in den dafür vorgesehenen Gremien vorbereitet, diskutiert und gefällt.
Swiss Equestrian hat kürzlich auch einen Athletenrat geschaffen. Weshalb?
Weil wir überzeugt sind, dass die Perspektive der aktiven Athletinnen und Athleten stärker eingebunden werden muss. Wer den Sport täglich lebt, erkennt Entwicklungen, Spannungsfelder oder veränderte Bedürfnisse oft frühzeitig. Der Athletenrat ist kein Symbolgremium, sondern wurde bewusst geschaffen. Er soll Themen frühzeitig aufnehmen, Entwicklungen spiegeln und die Perspektive der Athletinnen und Athleten direkt in die Verbandsarbeit und Entscheidungsprozesse einbringen.
Wie wichtig ist dabei die öffentliche Wahrnehmung des Pferdesports?
Sehr wichtig. Für die Zukunft des Pferdesports reicht sportlicher Erfolg allein nicht mehr aus. Wir müssen bewusst und offen kommunizieren, zuhören und erklären können, weshalb der Pferdesport gesellschaftlich relevant bleibt. Dazu gehört auch, dass wir offen mit Kritik umgehen und bereit sind, uns weiterzuentwickeln. Glaubwürdigkeit entsteht dort, wo Probleme nicht relativiert werden, sondern wo Verantwortung übernommen wird.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Pferdesports in der Schweiz?
Dass wir die Verbindung zwischen Tradition und Zukunft gut schaffen. Der Pferdesport hat in der Schweiz eine starke Basis und grosses Potenzial. Gleichzeitig müssen wir offen bleiben für gesellschaftliche Entwicklungen und den Dialog aktiv führen. Mein Ziel ist, dass die Schweiz auch künftig zu den führenden Pferdesportnationen gehört. Dafür brauchen wir sportliche Exzellenz, eine starke Nachwuchsförderung, moderne Strukturen und das Vertrauen der Bevölkerung.
Sie sprechen auch von Haltung nach aussen. Was meinen Sie damit?
Das gilt nach innen genauso wie bei gesellschaftlichen Fragen. Wir nehmen relevante Themen aktiv auf und beziehen Position, wenn wir überzeugt sind, dass es wichtig ist – etwa bei der SRG-Initiative, wo wir uns klar geäussert haben. Ein Verband muss Haltung zeigen. Nicht laut oder belehrend, sondern glaubwürdig, verantwortungsvoll und nachvollziehbar. Genau daran arbeiten wir.
Was macht Sie zuversichtlich für die Zukunft des Pferdesports in der Schweiz?
Vor allem die nächste Generation. In unseren Vereinen und an den Turnieren erleben wir viele junge Menschen mit Begeisterung, Verantwortungsbewusstsein und Leidenschaft für den Pferdesport. Mit Initiativen wie der Liberty Rookie Tour und gemeinsam mit den Regionalverbänden investieren wir gezielt in Nachwuchsförderung, Talententwicklung und Perspektiven. Wenn wir Tradition, Leistung und Förderung konsequent verbinden, hat der Pferdesport in der Schweiz eine starke Zukunft.
Weshalb bleibt der Pferdesport auch künftig ein wichtiger Teil der Schweizer Gesellschaft?
Der Pferdesport verfügt in der Schweiz über eine breite Basis: engagierte Vereine, Veranstalter, Athletinnen und Athleten, Offizielle, Ehrenamtliche, Sponsoren und Partner. Sie alle tragen dazu bei, dass unser Sport lebendig, sichtbar und gut verankert bleibt. Entscheidend ist, dass wir Leistung, Haltung und Glaubwürdigkeit glaubhaft verbinden. So kann der Pferdesport seinen festen Platz in der Schweizer Gesellschaft auch in Zukunft behaupten und weiter stärken.