Federica Giovannini, 2026 stehen für die nicht-olympischen Disziplinen gleich mehrere Höhepunkte an: die Weltmeisterschaften in Aachen für Voltige und Fahren, die Einspänner-WM in München sowie voraussichtlich die Endurance-WM in Al Ula. Welche Bedeutung haben diese Titelkämpfe?
Diese Weltmeisterschaften zählen für unsere Athletinnen und Athleten zu den höchsten sportlichen Zielen. Oft arbeiten sie über Jahre auf diesen Moment hin. Pferde werden gezielt aufgebaut, die Saisonplanung darauf ausgerichtet und alle Beteiligten investieren viel Zeit, Energie und Ressourcen in die Vorbereitung. Entsprechend gross ist die Vorfreude auf Wettkämpfe auf höchstem internationalem Niveau.
Gleichzeitig sind diese Titelkämpfe von zentraler Bedeutung für die Sichtbarkeit unserer Sportarten. Unsere Athleti:nnen vertreten Swiss Equestrian auf der internationalen Bühne und sind wichtige Botschafter:innen ihrer Disziplinen. Erfolge stärken die Wahrnehmung des Sports, inspirieren den Nachwuchs und können neue Partner sowie Sponsoren gewinnen. Die Weltmeisterschaften sind deshalb nicht nur sportlich, sondern auch strategisch von grosser Bedeutung für die Weiterentwicklung der nicht-olympischen Disziplinen.
Aachen gilt als einer der traditionsreichsten Austragungsorte im Pferdesport. Was macht eine Weltmeisterschaft dort so besonders?
Aachen ist das Mekka des Pferdesports. Für viele Athlet:innen ist es ein Traum, dort antreten zu dürfen. Die einzigartige Atmosphäre, die grosse Tradition und die Begeisterung des Publikums machen diesen Ort zu etwas ganz Besonderem. Dass mehrere Weltmeisterschaften gleichzeitig stattfinden, fast wie früher anlässlich der Weltreiterspiele, verleiht dem Anlass zusätzlich eine besondere Strahlkraft.
Auch für die Verbände bietet Aachen eine wertvolle Plattform für den internationalen Austausch. Hier treffen die besten Nationen aufeinander, und man kann neue Ideen und Impulse für die eigene Arbeit mitnehmen. Ich bin überzeugt, dass Aachen 2026 zu einer der schönsten Feiern unseres Sports wird.
Wo steht die Schweiz aktuell in den Disziplinen Voltige, Fahren und Endurance im internationalen Vergleich?
Obwohl diese Disziplinen in der Schweiz mit vergleichsweise begrenzten Ressourcen arbeiten und nur wenige Athlet:innen professionell tätig sind, zählen wir im Voltige und im Fahren seit Jahren zu den erfolgreichsten Nationen der Welt. Entsprechend dürfen wir auch 2026 auf Spitzenresultate und Medaillen hoffen.
Im Endurance verfolgen wir bewusst einen langfristigen Weg. Das Wohl der Pferde steht dabei immer im Mittelpunkt. Junge Pferde werden sorgfältig aufgebaut, und unsere Athlet:innen setzen auf eine nachhaltige und verantwortungsvolle Reitweise. Diese Arbeit trägt zunehmend Früchte. Bereits heute gehören wir zu den fünf stärksten Nationen Europas. Unser Ziel für die Weltmeisterschaft ist es, diese Position zu bestätigen.
Die Austragung der Endurance-WM in Al Ula ist noch nicht definitiv bestätigt. Welche Herausforderungen bringt diese Unsicherheit mit sich?
Die grösste Herausforderung ist der Zeitfaktor. Die gesamte Vorbereitung eines Pferd-Athlet-Paares wird auf die Bedingungen eines bestimmten Austragungsortes abgestimmt. Sollte die Weltmeisterschaft an einem anderen Ort stattfinden, müssten Trainings- und Saisonplanung entsprechend angepasst werden.
Insbesondere wäre davon auszugehen, dass eine WM in Europa weder Ende November noch unter Wüstenbedingungen ausgetragen würde. Das hätte direkte Auswirkungen auf die Vorbereitung von Pferden und Athletinnen beziehungsweise Athleten – und für die notwendigen Anpassungen bliebe nur wenig Zeit.
Worauf freuen Sie sich persönlich am meisten? Und was wäre für Sie ein erfolgreiches WM-Jahr 2026?
Am meisten freue ich mich für die Athlet:innen sowie ihre Teams. Es beeindruckt und berührt mich immer wieder, mit welchem Engagement sie ihren Sport leben. Neben Beruf und Familie investieren sie unzählige Stunden in das Training ihrer Pferde. Oft stehen auch Familienmitglieder als Grooms, Fahrer oder Unterstützende an ihrer Seite. Ganze Familien tragen diese Leidenschaft mit und investieren viel Zeit, Energie und auch finanzielle Mittel.
Mein grösster Wunsch ist, dass möglichst viele von ihnen mit einer Medaille – und vor allem mit gesunden Pferden – nach Hause zurückkehren. Das wäre die schönste Anerkennung für ihren Einsatz und ihre Liebe zum Pferd.
Für Swiss Equestrian wäre ein erfolgreiches WM-Jahr, wenn die oft jahrelange und vielfach ehrenamtliche Arbeit Früchte trägt und gleichzeitig die nächste Generation inspiriert. Denn am Ende geht es nicht nur um Medaillen, sondern auch darum, die Zukunft unserer Disziplinen nachhaltig zu sichern.